| Editorial 6/98 Arzneipflanzen als Objekte der Wirtschaft Ein Bericht in »Medikament & Meinung« vom September 1998 über
das »8. Bernburger Winterseminar zu Fragen der Arznei- und Gewürzpflanzenproduktion«
macht deutlich, welche wichtige Rolle Arzneipflanzen auch als Wirtschaftsfaktor spielen.
Einige Zahlen: Weltweit beträgt der Handel mit Arzneipflanzen schätzungsweise
300.000t/Jahr im Wert von 800 Mio. US-Dollar. Nicht enthalten in diesen Zahlen sind
Gewürzpflanzen wie Zimtrinde, Muskatnuß, Anis oder Fenchel. Exportland Nr. 1 ist die VR
China mit jährlich etwa 122.000t, ihr folgt Indien mit 32.000t. An dritter Stelle steht
die Bundesrepublik Deutschland mit 14.400t, entsprechend einem Wert von immerhin 68,5 Mio.
Dollar. Ein großer Teil der in Deutschland verarbeiteten Drogen wird importiert: 42.000t
pro Jahr Arzneipflanzen im Wert von 96 Mio. Dollar. Für einen weiteren Teil der Importe
ist Deutschland nur Zwischenmarkt. Aber es werden auch mehr und mehr Arzneipflanzen in der
Bundesrepublik selbst angebaut. Das hat neben den üblichen Nachteilen von
Monokulturen viele Vorteile, die sehr einsichtig sind. Nicht zuletzt können
gezielt Hocphleistungspflanzen angezogen werden.Wo werden sie kultiviert? Die deutsche
Anbaufläche beträgt derzeit etwa 6000ha, verteilt auf Thüringen, Bayern,
Sachsen-Anhalt, Hessen, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Angebaut
werden etwa 70 verschiedene Arten. Der Trend zu ausgedehnterem Anbau hält an. Das liegt
nicht zuletzt daran, daß der Bedarf an Pflanzenprodukten im Pharmabereich inzwischen von
der Verwendung pflanzlicher Drogen in der Kosmetikbranche, bei der Gewinnung von
Haushaltsprodukten und von Farbstoffen überrundet wurde. Pflanzen als nachwachsender
Industrierohstoff gewinnen zunehmend an Bedeutung. So sind immer mehr Pflanzenextrakte in
Kosmetikartikeln, Wasch- und Geschirrspülmitteln sowie Fußbodenreinigern zu finden. An
der Spitze der im großen Maßstab genutzten und daher angebauten Pflanzen sind Kamille,
Ringelblume, Johanniskraut, Efeu und Rosmarin. Johanniskraut mag als aktuelles Beispiel
für den Bedarf an einer Arzneipflanze dienen: 1500t werden mindestens pro Jahr in
Deutschland gebraucht, eine Menge, die bei weitem nicht aus Importen gedeckt werden kann.
Auch die jährlich hierzulande verarbeitete Menge an Kamillenblüten beträgt ca. 3500t.
Da hier ebenfalls das Ausland nicht genügend Material zur Verfügung stellt, wird
inzwischen in Deutschland wieder auf 800ha Kamille kultiviert. Daß es auch für manche
»alte« Kulturpflanze eine Art innovative Renaissance gibt, zeigt die in Thüringen
angebaute Farbstoffpflanze »Waid« (Isatis tinctoria L., Brassicaceae). Der Waid, schon
vor einigen Jahrhunderten bei Erfurt angebaut, wird heute als Zusatz zu Anstrichfarben,
Lasuren, Imprägnierungen (da fungizid) sowie als Textilfarbe (Waid enthält
Indigo-Vorstufen) genutzt. Er ist zudem Bestandteil kosmetischer Erzeugnisse (z.B.
Fußcremes, Fußsprays). |