| Editorial 5/98 Gentechnik - Nein, danke! Oder vielleicht doch? Zunächst zur Nomenklatur. Wir unterhtalten uns nicht über eine Ideologie. Daher ist auch nur die neutrale Bezeichnung Gentechnik korrekt. Es handelt sich um ein experimentell nutzbares Verfahren, das - wie alle technischen Systeme, u.a. auch die Atomspaltung oder ein scharf geschliffenes Messer - für Aktionen eingesetzt werden kann, die wir positiv oder negativ bewerten. Während die einen euphorisch in der Gentechnik die Methode schlechthin zur Lösung der meisten Medizin- und Ernährungsprobleme der Menschheit sehen, hatten andere dieses Verfahren für zu wenig erforscht, für nicht kontrollierbar und risikoreich - und damit für außerordentlich gefährlich. Zugegeben, es lassen sich für beide Auffassungen - zumindest vordergründig - Belege anführen, die die oftmals festgefahrene eigene Meinung unterstützen. Und natürlich leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen über das, was ethisch vertretbar oder verwerflich ist. Allerdings sollte die naturwissenschaftliche Basis beider Standpunkte für alle rational diskutierenden Menschen identisch sein. Und das kann sie nur sein, wenn wir den Status quo der Gentechnik kennen und verstehen. Daß dies durchaus nicht der Fall ist, zeigen Ergebnisse einer Umfrage der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (AFTA) vom Anfang diesen Jahres. Zwar stimmen drei Viertel der Befragten dem Einsatz der Gentechnik in Medizin und Pharmazie zu und erhoffen sich davon vor allem einen Sieg über Krebs und AIDS. Die Mehrzahl lehnt allerdings den Einsatz der Gentechnik in der Pflanzen- und Tierzüchtung sowie bei der Produktion von Lebensmitteln ab. Wie emotional und wenig rational diese Meinungen sind und wie wenig sie von fundiertem Sachwissen geprägt werden, zeigt die Aussage von Martin Bauer von der London School of Economics über eine Meinungsumfrage in England, die parallel zu derjenigen der AfTA in Deutschland durchgeführt wurde. Fast die Hälfte der Befragten vermutet: Normale Tomaten hoben keine Gene". Die Rolle, die die Gentechnik derzeit bereits bei der Produktion wichtiger Arzneistoffe spielt und die sie ganz ohne Frage in der Zukunft spielen wird, erörtern in diesem Heft der Zeitschrift für Phytotherapie der Heidelberger pharmazeutische Biologe Prof. Dr.Jürgen Reichling, der Freisinger Biotechnologe Prof Dr. Diethard Baron und der Züricher Mediziner Prof Dr. Reinhard Saller. Praxisorientierte Grundlagenforschung wird hier vorgeführt. Und auch dem der Gentechnik skeptisch gegenüberstehenden Leser wird die Bedeutung und Wichtigkeit dieser Wissenschaft, zumindest auf den Gebieten der Medizin und Pharmazie, demonstriert. Die Gentechnik in diesen genannten Bereichen nicht zu akzeptieren, wäre ignorant. Franz-C. Czygan |
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