Ein großes Reservoir an pharmazeutischen Wirkstoffen erhofft sich die Industrie seit
einigen Jahren nicht nur in den Regenwäldern, sondern vor allem auch in den Tiefen der
Weltmeere.Weil dort bisher von deutscher Seite zuwenig geforscht wurde, hat noch die alte
Bundesregierung ein deutliches Signal gesetzt. Das Bundesministerium für Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Technologie bewilligte im Rahmen des neuen Schwerpunkt-
örderprogramms »Marine Rohstoffforschung« 1,2 Millionen Mark für drei Projekte der
Forschungsgruppe »Marine Mykologie« am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und
Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.
Die Forscher wollen erkunden, ob und inwiefern Pilze in Wechselwirkung mit anderen
Lebewesen an der Bildung bestimmter Substanzen beteiligt sind. Organisatorisch sind alle
drei Vorhaben Verbundprojekte von Wissenschaftlern an Instituten/Hochschulen und der
Industrie. Die AWI-Forscher wollen zusammenarbeiten mit Arbeitsgruppen der Universitäten
Göttingen, Kiel und Würzburg, der Fachhochschule Ostfriesland (Emden), dem
Hans-Knöll-Institut für Naturstoffforschung (Jena) sowie einer Reihe von
Biotechnologie-Firmen. Das Ziel ist klar: »Derartige Verbundprojekte sollen den Weg von
der Grundlagenforschung zur angewandten Forschung und zur Industrie beschleunigen. Sie
zielen auf Forschungsergebnisse, die industriell nutzbar sind.«
Warum die Erforschung mariner Pilze so erfolgversprechend erscheint, erläuterte Dr.
Schaumann, der AWI-Gruppenleiter, bei den 10. Irseer Naturstofftagen der Dechema e.V. im
vergangenen Jahr: Zum einen stammten von den insgesamt etwa 110.000 bekannten Naturstoffen
nur etwa 10% aus marinen Quellen und nur maximal 1% aus marinen Pilzen. Weiter seien nur
etwa 5% der heute bekannten 1000 marinen Pilzarten auf ihre Fähigkeiten zur Produktion
neuer Natur- und Wirkstoffe untersucht worden.
Und schließlich sei zur Zeit nur etwa 15% der im Meer vermuteten Biodiversität
mariner Pilze überhaupt bekannt.
Ein weiteres Indiz für die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung neuer Wirkstoffe aus
Meerespilzen sind die Anpassungen der marinen Mikroorganismen an extreme Lebensbedingungen
wie Kälte, hohen Druck oder stark wechselnde Salzgehalte. Dadurch könnten interessante
Metaboliten entstehen. Überdies würde die Anpassung an niedrige Temperaturen zu
erheblichen Einsparungen beim Energieaufwand für die Fermentation führen, nehmen die
AWI-Experten an.
(Geringfügig gekürzter, freundlicherweise von der Redaktion der Zeitschrift »Medikament
& Meinung« genehmigter Nachdruck aus der Ausgabe November 1998.)
PS: Über den derzeitigen Stand der Forschung zum Thema »Neue Wirkstoffe aus Pilzen
des Meeres« berichten in diesem Heft der »Zeitschrift für Phytotherapie« Frau Prof.
Ulrike Lindequist (Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Greifswald) und
ihre Mitarbeiterinnen. Ihr Aufsatz macht deutlich, daß die Untersuchungen auf diesem
Gebiet gerade erst begonnen haben und noch manche »pharmakologische« Überraschung
erwarten lassen.
Franz-Christian Czygan, Würzburg