Fachstudienreisen der GPT: Archiv

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Ziel der ersten modernen Fachstudienreise, die die Gesellschaft für Phytotherapie für ihre Mitglieder angeboten hat, war die Toskana. Die Reise hat den Kontakt zwischen den Teilnehmern vertieft und vielfältige Gelegenheit für den fachlichen Austausch gegeben.

Die Toskana ist bekannt für Kunstschätze von Weltrang, Landschaften, Städte und Dörfer von unübertroffener Schönheit und italienische Lebensart von höchster Kultur. Die Toskana ist aber auch die Wiege der Renaissance, jener Epoche, die, im Rückgriff auf die Antike, unser modernes wissenschaftliches Weltbild begründet hat.

Somit hat auch die wissenschaftliche Phytotherapie, deren Föderung das Ziel unserer Gesellschaft ist, hier ihre Wurzeln.

Über die Fachstudienreise der GPT wurde tagesaktuell life hier auf der Homepage berichtet, zudem sind mehrere Berichte in der aktuellen Fachpresse erschienen. Auch die ZPT wird noch berichten.  

Die Reise war ein voller Erfolg, so dass auch für 2014 eine Fachstudienreise geplant ist. Ziel wird die Provence sein. Nähere Informationen finden Sie in der Rubrik Termine der GPT-Homepage.  

Blog der Fachexkursion "Toskana" der GPT

Tag 1 - Florenz: Ist Chianti Phytotherapie?

Die Vorfreude war zu spüren, als die Reisegruppe der GPT um 16.40 mit einer Embraer 92 der Lufthansa in Rchtung Süden von Frankfurter Boden abhob. Nach einem sonnigen Flug über die Alpen begrüßte Florenz mit seiner charakteristisch ziegelroten Domkuppel inmitten der frühlingsgrünen Toskana die Reisenden schon beim Anflug von Ferne.

Beim Abendessen im prachtvollen Rahmen des freskengeschmückten Palazzo in der Altstadt von Florenz, der die Gruppe in den kommenden vier Tagen beherbergen wird, kreiste das Gespräch schon um das reiche Programm der Reise und schweifte von alten Klosterapotheken, botanischen Gärten, der modernen Heilpflanzenverarbeitung, klassischen Museen bis zur Chiantiproduktion, mit deren Produkten dann mit dem Urbayern Heinz Schilcher, als Autor des gleichnamigen Buches auch bekannt als der Phyto-Papst, auf den Sieg von Bayern Münschen in der Champions League angestossen werden musste. Die Frage, ob Chianti Phytoterapie ist, musste daher erst einmal zurückgestellt werden.   

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Tag 2 - Florenz: Von der Pflanze zum Arzneimittel?

Der morgendliche Blick von der Dachterrasse über Florenz und die sonnigen Hügel der Toskana betätigte, dass Regen und Nebel in Deutschand zurückgeblieben waren. Im historischen Ballsaal des Hotels konnte man sich mit einem Frühstück, dessen Opulenz der des historischen Ambientes in nichts nachstand, für den ersten Teil des Fachprogrammes stärken, die Besichtigung des historischen botanischen Gartens der Universität von Florenz, dem Giardino da Semplice. Im frühen 16. Jahrhundert gegründet und damit nach den botanische Gärten der Nachbarstädte Pisa und Pistoia der drittälteste der Welt, beeindruckte der Garten durch seine umfangreiche Sammlung auch seltenster Pflanzenarten und durch seinen uralten Baumbestand. Prof. Anna-Rita Bilia von der Universität Florenz hatte eine excellente Führung durch Dr. Paolo Luzzi vom Botanischen Institut arrangiert, in der auch phytotherapeutische Aspekte nicht zu kurz kamen.  

Zur Homepage des Giardino da Semplice

Nachmittags stand dann die Kosterapotheke von Santa Maria Novella auf dem Programm. Die Apotheke ist 1612 von Dominikanermönchen des Klosters S. Maria Novella gegründet worden, das vor allem durch seine durch den Architekten der Florentiner Domkuppel, Bruneleschi, im Stil der Frührenaissance erbaute Kirche bekannt ist. Beeindruckend sind die mit wertvollen Fresken und edlem Inventar ausgestatteten Räume der Apotheke, die heute ausschliesslich der Präsentation der Produkte dienen. Diese umfassen edle Parfums, Kosmetika, Tees und Liköre, aber auch pflanzliche Mittel für eine Vielzahl von Anwendungsgebieten. Darunter finden sich Mittel mit Ginseng oder Guarana, zur Förderung der physischen und geistigen Energie, oder mit Weidenrinde, bei Problemen in der kalten Jahreszeit und viele mehr - angesichts des umfänglichen Exkursionsprogrammes und der frischen Frühlingstemperaturen war hier mit Nachfrage seitens der Exkursionsteilnehmer zu rechnen.

Wie die Führerin der Gruppe, Laura Mussi, erläuterte, werden die Produkte der Apotheke heute in einem eigenen Betrieb nördlich von Florenz hergestellt, der 90 Mitarbeiter beschäftigt, und weltweit in ca. 100 Geschäften mit zusammen etwa 1000 Beschäftigten vertrieben. Allerdings handelt es sich bei allen diesen Mitteln ausschliesslich um Nahrungsergänzungsmittel - Arzneimittel sucht man im Sortiment der ältesten Apotheke von Florenz heute vergeblich. 

Zur Homepage des Officino Profumo Farmaceutica di Santa Maria Novella Firenze

Im Anschluss war dann Zeit, um die geistige Energie beispielsweise bei einer Tasse Cappucino al Ginseng in den Kaffees auf der Piazza Repubblica aufzufrischen und dabei die Frühlingssonne zu geniessen, oder dem Frühling  auf dem gleichnamigen Gemälde von Botticelli in den Uffizien nachzuspüren. 

Tag 3: Toskana: Von der Klosterapotheke zur modernen Heilpflanzenverarbeitung

Die Morgennebel hingen noch über den Buchen- und Kiefernwäldern des Pratomagno-Gebirges auf dem Weg zum 1050 hohen Consuma-Pass, über den die Route nach Camalodli führt, dem ersten Ziel an diesem Tag. Hier oben herrschte noch Frühling, und die Botaniker unter den Exkursionsteilnehmern schauten gebannt aus den Fenstern des Reisebusses, als sich die enge Passtrasse durch orchideenbestandene Bergwiesen schlängelte. Dann ging es wieder hinab nach Bibbiena im oberen Arnotal und von dort über den La Verna-Pass mit seinen spektakulären Ausblicken über die endlos scheinenden Bergwälder des Casentino zum auf über 1100 m Höhe gelegenen Eremitenkloster von Camaldoli.

Romualdo, ein toskanischer Adeliger, hat hier 1027 eine klösterliche Gemeinschaft gegründet, um fern der Betriebsamkeit der Städte Ruhe für die religiöse Andacht zu finden. Statt eines Kreuzganges finden sich mitten im schattigen Bergwald zwei Reihen kleiner Häuser, die den Mönchen des Kloster auch heute noch ein Leben in Abgeschiedenheit ermöglichen.

Ausserhalb der Klausur, am Eingang des Klosters, konnte sich die fröstelnde Gruppe erst einmal in der Gaststube des Klosters aufwärmen und die Frage diskutieren, ob die leckere Schokolade, die dort zu den meist nachgefragten Produkten der Klosterapotheke gehört, unter zu den Botanicals oder doch eher zu den Genussmitteln zu rechnen ist.

Eine Fusswanderung von etwa einer halben Stunde durch den schattigen Buchenwald, vorbei an zahlreichen Wasserfällen, führte die Gruppe zur Abtei von Camaldoli mit ihrer alten Apotheke, die ursprünglich einfach nur das 1046 gegründete Hospital des Klosters mit Heilmitteln versorgen sollte, heute aber überregional bekannt ist. In Räumen aus dem Jahre 1543 konnte die Gruppe  frühneuzeitliche Mörser, Destilllationsöfen und andere apothekerliche Gerätschaften besichtigen und sich einen Überblick über die Produktpalette der Apotheke verschaffen, die heute Heiltees, aber auch Liköre und die schon erwähnte Schokolade umfasst. Auch hier gehören Arzneimittel nicht mehr zum Sortiment.

Die Busfahrt führte dann weiter nach Sansepolcro, wo eine erlesene Käseprobe die Gruppe erwartete. Nach dieser Stärkung konnte die Besichtigung der in der Nachbarschaft von Sansepolcro gelegenen Produktionstätte von Aboca folgen, eines der führenden modernen Hersteller pflanzlicher Heilmittel.

In weisse Einmal-Schutzkleidung gekleidet, konnten die Teilnehmer alle Schritte der Produktion der Arzneimittel in der Werksbesichtigung nachvollziehen. Einer der sieben großen Trockenöfen wurde gerade mit auf den firmeneigenen Feldern, die sich im Umfeld des Werkes und im benachbarten Apeninn befinden und circa 70 % des pflanzlichen Rohmaterials liefern, frisch geerntetem Spitzwegerichkraut beschickt. Weiter ging es dann zum Drogenlager, vorbei an Paletten mit Baldrian-Wurzeldroge, und zur den Reinigiungs- und Windsichtungs-Maschinen für die Drogen. Vorbei an Perkolationsanlagen und an Anlagen zur Herstellung von Trockenextrakten, u.a. durch Griertrockung bei -45 Grad, führte der Weg zur Abfüllung und Verpackung, wo zu beobachten war, dass gerade bei Kleinchargen neben modernen Maschinen auch die Handarbeit immer noch eine große Rolle spielt. Nicht besichtigt werden konnten die analytischen Labors, in denen mit modernen Methoden Eingangs- und Endproduktkontrollen durchgeführt werden.  

Doch konnte im Anschluss dann noch ein Schaugarten des Unternehmens in den Bergen über Sansepolcro besucht werden, wo Aboca in der Nachbarschaft der ländlichen Villa des Firmengründers, deren Bild alle Informationsmaterielien der Firma ziert, ihren Hauptsitz hat. Auch für diese Firma war das Fazit zu ziehen, dass Arzneimittel im regulatorischen Sinne nicht zum Sortiment gehören, wobei jedoch zahlreiche Produkte in den Export ins europäische und außereuropäische Ausland gehen.

Zur Website der Aboca S.p.A. Società Agricola, Sansepolcro

Auf dem Weg zurück nach Florenz folgte eine Stadtführung in Arezzo, die der Gruppe die wechselvolle Geschite der Stadt nahe brachte, in der sich trotz wiederholter Zerstörungen eine Fülle von mittelalterlichen Kunstschätzen erhalten hat.      

Tag 4: Florenz - Von der Wiedergeburt der Antike zur modernen Naturwissenschaft

Florenz ist nicht nur als Kunst- und Kulturmetropole bedeutend, sondern auch als wichtiges Zentrum der modernen Naturwissenschaften im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Erstes Ziel der morgendlichen Stadtführung war die Dominikanerkirche Santa Maria Novella. Die vom Renaissancearchitekten und Mathematiker Leon Battista Alberti entworfene sachlich-geometische Fassade stimmte auf das nüchterne Innere dieser Bettelordenskirche ein. Das naturwissenschaftlich-technische Interesse der Exkursionsteilnehmer wurde besonders durch das Kreuzigungsfresko des Masaccio geweckt, in dem dieser Maler erstmals die vom Renaissancearchitekten Giovanni Brunelleschi 1410 entdeckte Zentralperspektive anwendete. Beide Künstler gehörten zu dem Kreis von Philosophen, Künstlern und Schriftstellern, die in dieser Zeit die Wissenschaft und Philosophie revolutionierten und die Grundlagen für unser modernes naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild schufen, mit dem Ziel der Wiedergeburt, Rinascimento, der griechischen und römichen Antike.    

Vorbei an der repräsentativen Piazza Repubblica aus dem 19. Jahrhundert, deren Schaffung damals ein ganzes mittelalterliches Stadtviertel zum Opfer fiel, ging es zum Dom. Zunächst wurde das Baptisterium mit seinen berühmten Bronzetüren, auf deren ornamentalen Rahmen der phytotherapeutisch interessierte Betrachter auch eine Reihe von Arzneipflanzen entdecken kann, in Augenschein genommen, dann das Innere des Domes selbst. In technischer Hinsicht beeindruckte die freitragend, ohne Lehrgerüst, durch Brunelleschi errichtete Kuppel, laut Wikipedia auch heute noch vor der des später errichteten Petersdoms die größte gemauerte Kuppel der Welt, deren Inneres zudem vom mit 3000 m² größten Fresko der Welt geschmückt wird.

Nächstes Ziel war der Rathausplatz, Piazza da Signoria. Der David des Michelangelo vor dem Palazzo Vecchio war das nächte Ziel der Führung - erkennbar wohl die bedeutendste der dort aufgestellten Statuen. Dem gedeckten Gang folgend, der den Palazzo Vecchio mit dem auf der anderen Arnoseite gelegenen Palazzo Pitti verbindet, ging es dann, nach Mittagsrast bei Pizza und Weisswein, in Richtung auf die Boboligärten, die den Abschluss der Stadtführung bildeten.

Dort faszinierte neben dem atemberaubenden Blick über die Stadt die Fülle an botanisch interessanten Pflanzen, darunter eine große Sammlung seltener alter Orangen- und Zitronen-Bäumchen, die dort in Terrakottakübeln zu bestaunen waren.

Den Abschluss des Tagesprogrammes bildete das naturhistorische Museum La Specola. Basierend auf der barocken Kuriositätensammlung der Medici-Dynastie, wurde hier, dem Geist der Aufklärung folgende, unter den Habsburgern in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts eine Sammlung geschaffen, die die naturwissenschaftliche Bildung nicht nur der Studenten, sondern der gesamten Bevölkerung zum Ziel hatte und seither - einschliesslich einer spektakulären Sammlung anatomischer Wachspräparate, die die Gruppe zum Abschluss besichtigen konnte - für jedermann frei zugänglich ist. So wurde hier schon im 18. Jahrhundert der Weg zur Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts - einschliesslich des mündgen Patienten - vorgezeichnet. 

Tag 5: Von Florenz nach Siena

Morgens ein ganz besonders erfreulicher Programmpunkt: Frau Prof. Anna-Rita Bilia, Inhaberin des Lehrstuhls für pharmazeutische Biologie der Universität Florenz, begrüßte uns im Hotel. Zum Dank für die vielfältige Hilfe bei der Vorbereitung des Fachprogrammes der Exkursion erhielt sie ein Wein-Präsent und Blumen.

Die Exkursion setzte ihren Weg dann, mit Zwischenstop im Burgstädchen Monteriggioni, in Richtung auf Siena fort, wo Zeit zur freien Verfügung stand - nicht zuletzt für den Besuch der schönen alten Apotheke an der Piazza da Campo - dem - zumindest nach Meinung der Sienesen- schönsten Platz der Welt. 

Tag 6 - Siena: Mittelalter im 21. Jahrhundert

Anders als Florenz, das gerne als Geburtsort der Moderne bezeichtet wird, ist in Siena das Mittelalter, mit all seinen Krisen und Gefahren, noch heute lebendig. Die Führung durch die Stadt machte dies erfahrbar - allein schon dadurch, dass währenddessen ein Gewitter aufzog, das mit Donnerschlag und Regengüssen die Konzentrationsfähigkeit der Teilnehmer auf eine harte Probe stellte. Die Besichtigung des Domes, der ursprünglich der größte der Welt werden sollte, wovon heute noch eine unvollendete Fassade zeugt, und des Piazza da Campo, wo heute noch, immer im Juli, die Stadviertel im Pferderennen gegeneinander antreten, machte das Mittelalter erlebbar.    

Tag 7 - Südtoskana: Von Ölbäumen, Zypressen und Weinreben 

Die Städte Florenz und Siena verbindet eine 70 km lange Weinstraße, die Via Chiantigiana. Sie führt durch die großartige Kulturlandschaft des Chianti-Classico-Gebietes. Die sanften Hügel des Chianti mit ihren berühmten Weingütern gelten als Symbol der Toskana. Dicht beieinander stehen  trutzige Burgen, renovierten Landhäuser und Villen mit ihren Zypressen und von Stadtmauern geschützten Städte und Städtchen. Ausführungen über die Bedeutung der Zypressen für die Region wurden von den Teilnehmern interessiert verfolgt. Auch dichte Wälder und weite Felder prägen diese weltbekannte Kulturlandschaft.. 

Tag 7 - Südtoskana: Von Ölbäumen, Zypressen und Weinreben 

Um neue Einblicke in die Phytotherapie und ihre Geschichte und gegenwart und um vielfältige Eindrücke einer faszinierenden Kulturlandschaft bereichert ging es nun wieder zurück nach Deutschland.

In einem Punkt war sich die Exkursionsgruppe einig: Im nächsten Jahr sollte die GPT unbedingt wieder eine so spannende Fachstudienreise anbieten. 

            

 

Programm (pdf)Anschreiben (pdf); Information: info@phytotherapie.de